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„Politische Verantwortung heißt in dem Fall dann Kampf“

Autor und Nahostexperte Martin Schäuble spricht mit Zehntklässlern über den Konflikt zwischen Israselis und Palästinensern

Am Montag, 17. Juli, hat uns der Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble besucht und mit uns über die Lage im nahen Osten gesprochen. Weil er insgesamt ungefähr fünf Jahre dort lebte, mehr als 250 Interviews mit Israelis und Palästinensern geführt hat und mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht hat, kennt er sich damit nämlich sehr gut aus.

Gestartet hat sein Vortrag damit, dass er den Schüler*innen der zehnten Klassen Schlagzeilen von verschiedenen Nachrichtenagenturen zeigte: von Aljazeera, die in Katar sitzt, CNN, einer US-amerikanischen Nachrichtenagentur, sowie von der Tagesschau. Alle drei handelten vom Angriff der USA auf den Iran. Was uns allen sofort auffiel war, dass sich die Berichterstattung hauptsächlich auf die eigene Bevölkerung konzentrierte und die anderen Parteien ausschloss. Solche Narrative, so sagte Schäuble, seien in Israel und in den palästinensichen Gebieten noch extremer.

Ein Beispiel? Während die israelischen Streitkräfte, die in dem Konflikt beteiligt sind, von israelischen Tageszeitungen als IDF, israelische Verteidigungsstreitkräfte, bezeichnet werden, ist in Tageszeitungen aus palästinensischen Gebieten von IOF, den israelischen Einnahmekräften, die Rede. In Zeitzeugengesprächen sprachen Menschen aus palästinensichen Gebieten außerdem häufig davon, wer aus der Familie alles fliehen musste, während Israelis häufig erzählen, wer aus der Familie selbst in der Armee gekämpft hat. Zu kämpfen, sagt Schäuble, gehöre in Israel zur politischen Verantwortung. Ein starkes Narrativ, so das Fazit, ist für beide Konfliktparteien entscheidend. Das sei vor allem problematisch, weil das Narrativ der anderen Seite komplett ausgeblendet werde, so Martin Schäuble.

Im Anschluss an den Vortrag durften die Zuhörenden noch Fragen stellen. Unter anderem erzählte uns der Politikwissenschaftler, dass es seit dem 7. Oktober, also seitdem die Hammas Israel überfallen haben und so den Konflikt im nahen Osten eskalierten, schwerer geworden sei, Menschen vor Ort zu finden, die Interviews geben wollen. „Das Misstrauen ist gewachsen“, sagte er uns, zum Beispiel haben Menschen inzwischen Angst, ihm ihren Namen zu nennen. Auch für ihn sei die Lage im nahen Osten auf Reisen belastend, deswegen sucht sich Schäuble in Deutschland danach psychologische Hilfe.

Und was ist seiner nach die beste Lösung für den Konflikt? Schäuble sagt, Deutschland solle Palästina als Staat anerkennen, genauso wie viele andere Länder auch. Zurzeit ist das nämlich noch nicht so. Zwar erzeugt das in der Politik immer wieder Spaltung, allerdings steht Deutschland aufgrund seiner NS-Vergangenheit hinter Israel. Die Sicherheit Israels stehe für Deutschland in diesem Fall an höchster Stelle, sagte zum Beispiel Stefan Kornelius, der Sprecher der Regierung. Palästina als Staat anerkennen wolle man erst, wenn eine Zwei-Staaten-Lösung etabliert sei. 

Bei der Frage nach der besten Lösung muss Martin Schäuble traurig schmunzeln. Die Zeitzeugen, die er interviewt, würden ihn so etwas nie fragen. Viele von ihnen seien einfach froh, jemanden zum Reden zu haben.

Von Justus Betz